Festrede zum 6o-jährigen Bestehen des Orchestervereins Götzis

Musik ist Kunst. Und wer sich mit Kunst beschäftigt, wird von manchen nicht ernst genommen. Daraus resultiert auch die weit verbreitete Meinung, dass es kein richtiger Beruf ist, Musiker zu sein. Es ist also ein gewisses Risiko, wie es Mani Matter im folgenden Lied humorvoll im Berner Dialekt auszudrücken weiß:

Dr Eskimo

kennet dir das gschichtli scho
vo däm armen eskimo
wo in grönland einisch so
truurig isch um ds läbe cho
 
är het dank em radio
fröid ar musig übercho
und het tänkt das chan i o
so isch är i ds unglück cho
 
nämlech är het sech für zwo
fläsche läbertran es no
guet erhaltes cembalo
gchouft und hets i d’höli gno
 
doch won är fortissimo
gspilt het uf sym cembalo
isch en ysbär ynecho
het ne zwüsche d’chralle gno
 
kunscht isch geng es risiko
so isch är um ds läbe cho
und dir gseht d’moral dervo
choufet nie es cembalo
süsch geits öich grad äbeso
wi däm armen eskimo
wo in grönland einisch so
truurig isch um ds läbe chooooo

Wir haben jedoch in übertragenem Sinne dieses Risiko auf uns genommen und fühlen uns noch recht gesund, sonst würden wir heute nicht miteinander unseren 6oer feiern.

Es ist nicht selbstverständlich, dass in einer Zeit, in der Künstler und Festivals Großes anbieten, in der das weltumspannende Ereignis hoch im Kurs steht, der Glaube an die Leistung vor Ort, das Eigene noch intakt ist. Dieser Glaube ist es wohl, der uns heute diese Feier beschert.

Vor der Gründung des Salonorchesters im Jahre 1947 hat es schon verschiedene Gruppierungen gegeben, in denen Streichmusik gepflegt wurde. Da gab es 1888 eine Streichmusikgesellschaft, in deren Statuten nicht nur musikalische Fähigkeiten, sondern auch moralische Qualitäten verlangt wurden. Ein unbescholtener Ruf war gefragt. Die Leitung des Vereins hatte Ludwig Schüßling, dessen Sohn Leopold mir noch als alter Mann in Erinnerung ist. Es gab immer wieder Streichergruppierungen, die, kaum existierend, wieder von der Bildfläche verschwanden. Eine davon gab es von 1926 – 29, sie nannte sich Jugend - Streichmusik. Geleitet wurde sie von Josef Rösch, dem Bruder meiner Mutter. Vizekapellmeister war Othmar Schwab, ein Bruder meines Vaters. Im Jahre 1928 erging im Vorarlberger Volksblatt eine Bitte an die Bevölkerung, diesem jungen Verein jedwede Stütze zukommen zu lassen. Dies war auch schon die letzte Überlieferung von dieser Orchestergruppierung. Im Jahre 1938/39 gründete Dominikus Fend ein Streichorchester, das aber bald seine Vereinstätigkeit wegen Kriegsausbruch aufgeben musste.

In den Kriegsjahren des 2. Weltkrieges machte sich bei einigen Jugendlichen die Freude am Musizieren bemerkbar. Nach Kriegsende traf man sich abwechselnd bei Familie Kremmel und bei Familie Mayer. Violine spielten Egon Mayer, Elmar Mayer, Helmut Ellensohn und Norbert Alfare. Alfred Mayer spielte Cello und Aldo Kremmel Klavier. Die musikalischen Tätigkeiten dieser 6 jungen Burschen ebneten den Weg zur Gründung des Salonorchesters im Jahre 1947. Heinrich Mayer, der Vater von Elmar und Alfred, war der erste Obmann. Sie werden verstehen, dass ich nicht die Vereinsfunktionen über die vergangenen 6o Jahre chronologisch aufzählen möchte. Interessierte können dies alles auf einer umfangreichen Homepage vom Orchesterverein Götzis erfahren. Für mich, der ich jetzt 5o Jahre dem Orchesterverein Götzis angehöre, hat es zwei Epochen gegeben.

Die erste Epoche war geprägt von Alfred Mayer und auch von seinem Bruder Elmar. Alfred Mayer hatte ein bewundernswertes organisatorisches Talent. Viele Kinder konnte er für das Cellospiel begeistern. Zahlreiche Operettenaufführungen waren auch sein Verdienst. Das Orchester spielte bei vielen Orcherstermessen und bei eigenen Konzerten. Mitwirkungen mit Gesangsvereinen oder anderen Orchestergruppierungen waren nicht selten. Der Orchersterball war jedes Jahr ein Fixtermin. Elmar Mayer setzte sich mit der Jugendförderung auseinander. Im Jahre 1960 wurde auf sein Betreiben hin eine Aktion durchgeführt, um Schüler zur Erlernung eines Instrumentes anzueifern. Über 5o Kinder hatten sich gemeldet. Auf Grund der vielen Instrumentalschüler war es nötig, die Nachwuchsarbeit vom Orchesterverein zu lösen und einen Verein zur Förderung von Musikunterricht zu gründen. Elmar Mayer führte 13 Jahre lang diesen Verein. Unter der Leitung von Walter Fischer veranstaltete der Verein von 1965 – 71 jeweils am Ostermontag und -dienstag im Jugendhaus St. Arbogast Musiziertage, die jeweils mit einem Kammerkonzert schlossen. Auf Grund der hohen Schülerzahl von ca. 250 entstand 1976 die Musikschule Mittleres Rheintal unter der Leitung von Alfred Mayer. Die drei Vereinsmitglieder Elmar Mayer, Walter Fischer und vor allem Alfred Mayer hatten also wesentlichen Anteil an diesen instrumentalen Weiterbildungseinrichtungen. Alfred Mayers Traum von großen Sinfoniekonzerten als einziger Möglichkeit, künstlerisch interessierte Zuhörer aus Götzis und Umgebung anzusprechen, führte in eine Sackgasse. Einmal, weil die meisten von uns einfach nicht das technische Rüstzeug hatten, solche Sinfonien, wie beispielsweise die einmal aufgeführte Jupitersinfonie von Mozart, zu bewältigen. Ein andermal, weil man das Werk erst kurz vor der Aufführung als Ganzes proben konnte, nachdem eine große Zahl von den Innsbrucker Sinfonikern unser Orchester zu einem Sinfonieorchester anwachsen ließ. Dieses Aufeinandertreffen mit den vielen Profis machte uns erst recht deutlich unsere Grenzen bewusst. Immer mehr machte sich Unmut unter vielen Orchestermitgliedern breit. Dies führte bei der 16. Generalversammlung im Jahre 1968 zu einer Grundsatzdiskussion über Programmgestaltung. Eine Gruppe wollte weiterhin Sinfoniekonzerte, eine andere Kammerkonzerte, die den großen Vorteil hätten , dass wir für diese Musik eine eigene Besetzung aufbringen könnten. Auch ich persönlich stand voll hinter dem von Elmar Mayer schon viele Jahre gehegten Wunsch nach spielbaren Programmen. Nachdem im Jahre 1978 aus Lehrern der Musikschule und aus ehemaligen Musikschülern , die an Hochschulen studierten, ein Kammerorchester Götzis gegründet wurde, war es dringend notwendig, auch die Laienmusiker zu beschäftigen. Alfred Mayer gründete im Jahre 1981 ein zweites Kammerorchester für die Laienmusiker und übertrug die Leitung dem damals an der Musikschule tätigen Violinpädagogen Istvan Hodasz. Dies war der Beginn meiner 2. Epoche. Eine Blütezeit des Orchesters bis zum heutigen Tage. Eine kleine Episode aus meiner 1. Epoche möchte ich noch erzählen. Es war bei der 11. Generalversammlung im Jahre 196o. Der Klarinettist Josef Mauerhofer erhielt für seinen lückenlosen Probenbesuch über 11 Jahre hinweg seinem Wunsche entsprechend ein Klarinettenplättchenetui. Bescheidenheit und Treue zum Verein hatten bei Josef Mauerhofer einen hohen Stellenwert.

Nun zur bereits erwähnten Blütezeit des Orchestervereins. Vom Vereinsorganisatorischen her war die erste Zeit nicht allzu rosig. So blieben bei der 25. Generalversammlung im Jahre 1982 nach den Neuwahlen Obmann- und Dirigentenstelle unbesetzt. Doch diese Situation störte unseren künstlerischen Leiter Istvan Hodasz in keiner Weise. Die Proben mit ihm machten immer mehr Freude. Wir musizierten und konzertierten fleißig und intensiv trotz etwas lädiertem Vereinsgerippe. Im Jahre 1985 bei der 26. Generalversammlung nahm Ulrich Heinzle auf Vorschlag von Walter Fischer das Amt des Obmannes an. Acht Jahre später konnte der Obmann von 24 Konzerten mit zum Teil namhaften Solisten berichten. 23 Jahre lang hat Istvan Hodasz wunderschöne für uns spielbare Programme zusammengestellt. Für unsere beiden fixen Konzerte in der Alten Kirche am Palmsamstag und an Maria Empfängnis haben wir ein interessiertes Publikum gewonnen. Vier Reisen unseres Vereins mit Partnern und Kindern haben uns auch menschlich näher gebracht. Einmal waren wir in einem Kloster in Carpentras in der Provence untergebracht. In der Klosterkirche spielten wir ein Kammerkonzert. 3 Mal waren wir mit der ganzen Gruppe in Ungarn. Auch dort spielten wir zwei Kammerkonzerte. Diese vier Reisen formten aus dem Orchesterverein fast eine Orchestervereinsfamilie. Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatten auch die 3 Obmänner Ulrich Heinzle, Erwin Kopf und der amtierende Roland Staffler. Die vielen schönen jährlichen Orchesterausflüge der vergangenen Jahre waren alle ein nachhaltiges Erlebnis. Diese 23 Jahre mit Istvan bescherten uns auch Mitwirkungen mit 10 verschiedenen Chören aus Vorarlberg und Liechtenstein und ein Konzert mit dem Stadtorchester von Feldkirch. Unvergesslich bleiben auch die vier von Marko Simsa moderierten Aufführungen für Kinder (2 x Vivaldi, 1 x Strauss und 1 x Mozart für Kinder). Zwei nicht alltägliche Höhepunkte erlebte unser Orchesterverein gemeinsam mit dem Jugendorchester und Lehrern der Musikschule Mittleres Rheintal bei den Aufführungen von Orff´s Carmina Burana und dem Requiem von Mozart unter der Leitung von Manfred Honeck. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ bei mir die Generalprobe in der Götzner Pfarrkirche mit der Sinfonie der Klagelieder von Gorecki unter Kyrill Petrenko zusammen mit dem Jugendorchester der Musikschule Mittleres Rheintal. Diese Probe dauerte über 3 Stunden. Nach dem letzten Ton und nach kurzer Stille applaudierten vor allem die Jugendlichen spontan dem Mann, der es verstand, uns allen das Werk von Gorecki berührend nahe zu bringen. 15 x bereits durften wir den Neujahrsempfang der Gemeinde Götzis musikalisch umrahmen. Nach 23 Jahren unermüdlicher Tätigkeit wünschte sich Istvan einen jüngeren Nachfolger. Ein guter Geiger war gefragt. Und wir sind alle stolz, vor drei Jahren einen solchen in Markus Ellensohn gefunden zu haben. Darüber sind wir dankbar und froh. Einen Mann der 1. Und 2. Epoche möchte ich noch nennen. Adalbert Kriegler. Während der 1. Epoche war er mehrere Jahre Dirigent und einige Jahre auch Obmann. Wo Not am Mann war, ist er eingesprungen. Er war aber auch in der 2. Epoche bis zu seiner schweren Erkrankung und seinem Tode treues Mitglied vom Orchesterverein. Eine heitere Episode mit ihm möchte ich noch erwähnen. Es war bei einer Probe. Ein Sechzehntellauf sollte piano gespielt werden. Bertel überhörte dies und spielte ihn fortissimo. Wir konnten nicht mehr weiterspielen vor lauter Lachen. Bertel jedoch schmunzelte ein wenig und meinte: „Die Konkurrenz ist groß, man gibt, was man hat."

Nun erlaubt mir ein vielleicht verwegenes Bild. Das Orchester ist eine gotische Kathedrale. Die bei der Durchkreuzung von Lang- und Querbau entstehende Vierung wird durch vier monumentale Pfeiler ausgezeichnet. Ich möchte nun diese Pfeiler benennen: Alfred Mayer, Elmar Mayer, Istvan Hodasz und Josef Dünser. Josef hat in schwierigen Zeiten durch seinen vielseitigen Einsatz dem Orchester Stütze gegeben. Die von ihm mit großer Sorgfalt erstellte umfangreiche Homepage verrät seine tiefe Verbundenheit mit unserem Verein.

Es mag uns hoffnungsvoll stimmen, in unserem Jubiläumsjahr im Vorarlberg – Magazin vom August 2007 in einem Artikel von Silvia Thurner über "Die Orchester des Landes" folgendes zu lesen: "Einen wichtigen Pfeiler der musikalischen Identität stellen die Orchestervereinigungen des Landes dar. Allen voran das Sinfonieorchester Vorarlberg mit seinem Chefdirigenten Gerard Korsten. Das Kammerorchester Arpeggione Hohenems bietet international aufstrebenden Musikern eine ideale Plattform. Das Jugendsinfonieorchester Dornbirn und das Sinfonieorcherster des Landeskonservatoriums gelten als hervorragende Schmieden für junge Musiker. Bei den Musikfreunden Bregenz sowie im Orchesterverein Götzis musizieren engagierte Laienmusiker mit ansteckender Begeisterung." Möge diese Begeisterung uns allen noch lange erhalten bleiben.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

                                                                                                                                                   Kurt Schwab