KONZERT
ALTE KIRCHE GÖTZIS

 

 

Di. 8. Dez. 2015, 17.00 Uhr
Mariä Empfängnis
 
 
Christian Lebar - Cembalo
 
Leitung: Markus Ellensohn
 
Mitwirkende

 

Freiwillige Spenden

 

 

 
PROGRAMM
 
PHILIPP HEINRICH ERLEBACH (1657-1714)
Ouverture Nr.6 g-Moll
 
   Ouverture                                      
   Air Entrée                                      
   Air Gavotte                                    
   Air Menuette                                  
   Air La Plainte                                 
   Air Entrée                                      
   Air Gigue                                       
   Chaconne                                      
 
FRANCESCO GEMINIANI (1687-1762)
Concerto Grosso g-Moll op.3 Nr.2
 
   Largo e staccato                            
   Allegro                                          
   Adagio                                          
   Allegro                                         
 
ANTON FILS (1733-1760)
Symphonie in g-Moll op.2 Nr.2
 
   Allegro                                          
   Andante                                        
   Menuett                                        
   Allegro assai                                 
Notenmaterial mit freundlicher Genehmigung des Fürst Thurn und Taxis Zentralarchivs.

 

 

Beim traditionellen Konzert zu Mariä Empfängnis, wird dieses Jahr das Orchester selbst einmal im Mittelpunkt stehen, ganz nach dem Motto

 “Orchester SOLO“. 

Es wird erstmals auf solistische Beiträge verzichtet, dennoch ist ein abwechslungsreiches Programm zu erleben. Auch aus musikhistorischer Sicht wird ein interessantes Programm geboten. Es gibt unbekannte Komponisten aus drei verschiedenen Musikergenerationen und deren zu Unrecht vergessene Musik zu hören: prachtvolle alte Musik von Philipp Heinrich Erlebach aus dem Jahre 1697, ein kurzweiliges Concerto Grosso aus der Feder des bekannten italienischen Geigenvirtuosen Francesco Geminiani und eine Symphonie von Anton Fils, einem Orchestermitglied der Mannheimer Hofkapelle, welche die Zuhörer in ihren Bann ziehen wird. Alle Werke stehen in der Grundtonart g-Moll, was trotz der Vielseitigkeit der gebotenen Musik einen spürbar zusammenhängenden Atem des etwa einstündigen Konzertes erfahrbar machen wird und ein seltenes Erlebnis ermöglicht.

Markus Ellensohn

Philipp Heinrich Erlebach (1657-1714) wurde in Ostfriesland geboren, über seine Jugendjahre ist nichts bekannt. Als 23-jähriger taucht er plötzlich als „gräflicher Musikus und Kammerdiener“ des Grafen Albert Anton von Schwarzburg in Rudolstadt im heutigen Thüringen auf. Dies scheint auch seine einzige Wirkungsstätte gewesen zu sein, sein Ruf ging allerdings weit über die Landesgrenzen hinaus. Er bezeichnet sich selbst zunächst als „Capelldirektor“ und später als „Capellmeister“. Hier hat er laut Vertrag „die ordentlichen musikalischen Aufwartungen sowohl in der Kirchen als für der Tafel wie und wo wir es verordnen werden, fleißigst zu verrichten, wobey ihm aber frey steht, entweder seine eigene Compositiones oder auch andere nach seinem gut Befinden zu gebrauchen“ .

Seine französischen Ouvertüren gehören zu den besten ihrer Art, wenn auch Erlebach selber bekennt – und sich fast dafür entschuldigen möchte -  nie in Frankreich gewesen zu sein, doch habe er „durch Reisebeschreibungen fleissige Durchgehung, Anhörung und Übung… in die sonderbare Manier eindringen und die Kunst-Griffe absehen und derselbigen sich füglich bedienen können“.

Erlebach´s Kompositionen umfassen neben den Kantaten und Liedern Orchester- und Kammermusik, Opern und Oratorien. Der größte Teil seiner Werke (über 1000 Kompositionen) wurde allerdings 1735 bei einem Schlossbrand in Rudolstadt vernichtet, wodurch Erlebach musikalisch fast völlig in Vergessenheit geriet. Erhalten sind nur einige wenige Kompositionen (meist nur in handschriftlicher Form) - nur rund 70 wurden bei dem Brand nicht vernichtet.

Der etwa eine Generation später geborene aus der Toscana stammende Komponist Francesco Geminiani (1687-1762) führte ein gänzlich anderes Leben. In eine Musikerfamilie hineingeboren, erhielt er den ersten Musikunterricht von seinem Vater, weitere Lehrer waren keine geringeren als Arcangelo Corelli und Alessandro Scarlatti. Als hervorragender Violinvirtuose machte er sich einen Namen und war in Neapel, Rom, London und Paris tätig.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Komponisten seiner Zeit, welche an Höfen, Theatern, Orchestern etc. angestellt waren, reiste Geminiani – heute würde man sagen „freischaffend“ – durch ganz Europa und lebte von seinen Konzertauftritten und der Veröffentlichung seiner Kompositionen. Auf Anhieb gelang ihm dieser Lebensstil allerdings nicht: er kämpfte einige Jahre, bis er einen Ruf als Geiger hatte. Am Ende seines Lebens lebte er dann mehr vom Weinhandel und man sagte ihm dubiose Geschäft im Kunsthandel nach.

Als Komponist ist er ein Kind der „alten Schule“, so kommt auch im 3. Satz des Concerto Grosso op.3 Nr. 2 seine kontrapunktische Meisterschaft in Form einer vierstimmigen Fuge zum Ausdruck. Seine Concerti Grossi op.3 zählten überhaupt zu den beliebtesten Werken jener Zeit und verhalfen Geminiani zu großem Erfolg und Ansehen, obwohl seine Musik damals als ungewöhnlich und schwierig zu spielen galt. Doch selbst ein Dirigent wie Arturo Toscanini konnte sich der Faszination dieser Musik nicht entziehen, so soll er das Concerto Grosso op.3 Nr.2 g-moll hoch geschätzt und auch vielfach aufgeführt haben.

Im Gegensatz zu Geminiani sind aus dem fast völlig im Dunkel liegenden Leben des Anton Fils (1733-1760) nur wenige Daten bekannt. Seine bayerische oder böhmische Abstammung ist nicht restlos geklärt, ebenso völlig offen ist auch die Frage nach seiner Ausbildung. Sicher ist: Anton Filtz wurde 1754 im Alter von 21 Jahren als Cellist Mitglied der Mannheimer Hofkapelle und schrieb über 40 Sinfonien für dieses Orchester.

Es war ein ganz besonderes Merkmal der Mannheimer Hofkapelle, dass die einzelnen Orchestermusiker nicht nur ihr Instrument virtuos beherrschen sollten, sondern gleichzeitig auch versierte Komponisten sein mussten. So berichtete der englische Musikhistoriker Charles Burney 1772: "Es sind wirklich mehr Solospieler und gute Komponisten in diesem als vielleicht in irgendeinem Orchester in Europa. Es ist eine Armee von Generälen, gleich geschickt, einen Plan für eine Schlacht zu entwerfen, als darin zu fechten."

Trotz seines frühen Todes im Alter von 26 Jahren hat Anton Fils ein umfangreiches Werk hinterlassen und zählt zu den bedeutendsten Sinfonikern seiner Zeit. Seine Symphonien wurden damals als echte Sensationen empfundenen. Die einzige Symphonie von Anton Fils in einer Moll-Tonart  - welche hier zur Aufführung gelangt - gilt auch als eine seiner beeindruckendsten.  Fils schätzte sein eigenes Schaffen in aller Bescheidenheit aber gering ein, sodass es keine einzige Druckausgabe und nur sehr wenigen Abschriften seiner Werke zu seinen Lebzeiten gab. Nach seinem Tod änderte sich das aber schlagartig, nur 5 Jahre später war sein ganzes Werk veröffentlicht.

Christian Friedrich Daniel Schubart – Freund und exzellenter Kenner der Mannheimer Hofmusik – bezeichnete Fils als »den besten Symphonienschreiber, der jemahls gelebt hat. Pracht, Volltönigkeit, mächtiges allerschütterndes Rauschen und Toben der Harmoniefluth; Neuheit in den Einfällen und Wendungen; sein unnachahmliches Pomposo, seine überraschenden Andantes, seine einschmeichelnden Menuets und Trios, und endlich seine geflügelten laut aufjauchzenden Prestos – haben ihm bis diese Stunde die allgemeine Bewunderung nicht rauben können«

Markus Ellensohn